Sonnendeck – Kunstmagazin – jeden Monat neu

STEUERBORD
Liebe Leserinnen und Leser,
geneigte Gratulanten zur 75. Ausgabe,
zunächst einmal möchte sich die Redaktion des sonnendecks für den Berg von Blumensträußen, Glückwunschkarten und Weinkisten bedanken, die wir heute Morgen vor der Tür unserer Redaktionsräume vorfanden. Auch wenn einige der Blumenkränze eindeutig vom Pragfriedhof entliehen wurden, und etliche Weine unter dem redaktionsintern obligaten 95-Parker-Punkte-Standard bleiben, freut sich die Redaktion über den überwältigenden Furor solcher Liebesbekundungen seitens der analogen und digitalen Leserschaft und erkennt darin ganz klar den Auftrag, mit dem sonnendeck im gewohnten Modus fortzufahren. In der nun vorliegenden 75. Ausgabe, unser Jubiläums-Stück, haben wir in gewohnt unberechenbarer Weise das Pool-Thema weggelassen, jene sonnendeck-Institution, die allmonatlich ein anderes Phänomen in den Mittelpunkt unserer Berichterstattung stellt. Das Thema im November 2009 ist schlicht, kein Thema zu haben. Damit liegt die Redaktion wieder einmal auf der Höhe der Zeit: Kein Thema, keinen Plan zu haben, ist der aktuelle Trend in Deutschland, wie im benachbarten Ausland. Koalitionsverhandlungen werden damit bestritten, anzukündigen, was man in den nächsten vier Jahren alles nicht machen möchte, persönliche Antipathien haben die Themenkataloge ersetzt und bestimmen in Politik und Kultur die Entschlüsse. Damit rücken die handelnden Figuren und ihr Streben nach Machterhalt, ins Zentrum. Diese Themenlosigkeit unserer Gesellschaft verhindert jede Auseinandersetzung mit Gegenwart und Zukunft, die Öffentlichkeit verkommt zum Publikum. Wir haben aufgegeben, eigene neue Themen zu suchen und lassen uns immer bereitwilliger füttern. Unsere Autoren waren aufgerufen, über ihre Lieblingsprojekte oder Figuren zu schreiben. Das nun entstandene Potpourri reicht von Jörk Schellers philosophiegeschichtlichen Diskurs über die Vereinnahmung der Person und Schriften Nietzsches, bis zu Manuel Kreitmeiers Bericht über eine Ansammlung prominenter Skulpturen in der badischen Provinz. Kunstwerke, die der Aufhübschung des Ludwigsburger Stadtbildes dienen, hat Michael Reuter besichtig, um sich dann die Ausführungen zum gestörten Fortschrittsglauben des Künstlers Ben Willikens rein zu tun. Hansjörg Fröhlich schließlich entführt uns anlässlich der Biennale nach Istanbul und hat dem letzten sozialdemokratischen Messdiener Franz Müntefering nachgerufen. Der Rest des Editorials sei unserem Grafik-Designer Christian Steeneck überlassen, der hier sein 75. Icon präsentiert.
Altersweise Jubi-Grüße vom sonnendeck