Sonnendeck – Kunstmagazin – jeden Monat neu

POOL
An den Wühltischen des menschlichen Desasters
Die Istanbuler Biennale zeigt ein ungemein politisch motiviertes Programm, reiht Völkermord an religiösen Extremismus, Kapitalismuskritik an digitale Diktaturen und überschreibt das Ganze mit dem Brecht-Zitat „Wovon lebt der Mensch?
von Hansjörg Fröhlich
Eigentlich ist es kompletter Irrsinn, sich in einer derart anmutigen Stadt wie Istanbul in ein Gruselkabinett zu begeben. Doch überbordende Schönheit kann leicht zur Gewohnheit werden und so ist es für die Nachhaltigkeit touristischen Staunens ganz gut, sich zwischendurch mal so richtig ins Inferno stramm-linker Ausstellungsrhetorik zu begeben. Danach ist man dann wieder für jedes Lächeln auf der Straße, für jeden friedlich vor sich hin dampfenden Mokka und für jede noch so unspektakuläre Bimmelbahnfahrt dankbar.
. . .
Immer besser! Immer schneller! Immer gesünder!
Der Künstler Ben Willikens zur Weisheit der Frühmoderne, zu unserem gestörten Fortschrittsglauben und zum Wandel künstlerischer Befindlichkeiten. Auszüge aus einem Gespräch mit Renate Wiehager und Walter Grasskamp im Kunstmuseum Stuttgart
Transkription: Michael Reuter
Es hat eine Schnittstelle zwischen dem Beginn der Moderne und dem ausgehenden Historismus des 19. Jahrhunderts gegeben, in der es zu einer Begegnung zwischen altem Denken und neuem, revolutionären Denken kam. Man könnte sagen, eine vorweggenommene Postmoderne. Malewitsch malte ein schwarzes Quadrat und drei Jahre später wieder einen Bauern auf dem Feld. Kandinsky bemerkte um 1906, Abstraktion sei schön, da könne der Künstler sich befreien, aber man könne das Ganze auch gegenständlich machen.
. . .
Friedrich ist für alle da
Nietzsche als Klipp-Klapp-Philosoph der Gegenwart
von Jörg Scheller
Wenn es um die Kompatibilität von Gedanken geht, darf Nietzsche natürlich nicht fehlen. Denn auf seine alten Tage hat es der fiebrige Friedrich doch noch zum Übermenschen gebracht. Zumindest gilt das für seine unsterblichen akademischen und belletristischen Überreste. Nietzsche hat derzeit, wieder mal, Hochkonjunktur. Er ist einfach überall. Das Interessante an der gegenwärtigen Nietzsche-Euphorie ist, dass die Nietzsche-Lektüre nicht etwa auf bestimmte weltanschauliche und ideologische Zirkel beschränkt bleibt. Vielmehr ist Nietzsche der ultimative Philosoph für alle und jeden geworden. Sein Werk gleicht heute einem ideengeschichtlichen Supermarkt, in dem jeder findet, was er braucht, ob Pfarrer, Manager oder Hochschullehrer. Hätte der Dampfhammerdenker diese egalitäre Demokratisierung seines Werks geahnt, er wäre wohl noch früher in den Wahnsinn entglitten
. . .
Da wendet sich der Gast mit Grausen
Die Ausstellung „AUSSERDEM – Kunst im öffentlichen Raum Ludwigsburg“ zeigt sieben Positionen, die sich tapfer den Bausünden der Barockstadt stellen
von Michael Reuter
Ganz so inniglich hatten sich die Stadtoberen in Ludwigsburg den Kontakt des Volkes zu ihrem steinernen Landesfürsten wohl nicht vorgestellt. Als Zeichen der vollzogenen Demokratisierung hat der Künstler Timm Ulrichs rund um die Statue des Herzogs Eberhard Ludwig einen Holzpavillon errichtet. Über eine Treppe haben nun auch Krethi und Plethi direkten Zugang zum hohen Herrn, begegnen ihm auf Augenhöhe und teilen mit ihm den Ausblick auf den barocken Marktplatz. Schon einen Tag nach Eröffnung der Ausstellung zeigte die Hand des zehnten Herzogs von Württemberg erste Risse. Im Rathaus wurde an warnende Hinweisschilder und sichernde Holztüren gedacht – umsonst, denn zum Besuch des Berichterstatters war die halbe Hand samt Marschallstab verschwunden.
. . .
Der Legionär
Die letzte Fabelgestalt, die letzte One-man-army der Bundespolitik hat hingeschmissen:
Ein Nachruf auf den Parteivorsitzenden Franz „get down“ Müntefering.
von Hansjörg Fröhlich
Vor erst wenigen Wochen hatte Franz Müntefering noch eine spektakuläre Landung hier in Stuttgart. Gleich einem vom Himmel geschickten Erlöser kam er in einem Funkenkleid hernieder. Die BILD-Leserreporter waren zur Stelle, der Surf auf der Notrutsche sportlich, alles war perfekt: Der Partei-Don gibt wieder mal alles. Der Wahlkampf 2009 hatte seinen SPD-Höhepunkt. Die Anhänger waren aus dem Häuschen, sagten: „Endlich erlöst uns der Bundesvorsitzende aus dem kreuzlangweiligen Nichtwahlkampf der letzten Wochen. Bravo Münte!“
. . .
Elastischer Marmor im Schwarzwald
Die „Kunstwege“ und weitere Ausstellungen zum Thema Skulptur in Zell am Harmersbach.
von Manuel Kreitmeier
Man traut seinen Augen nicht. Denn nicht in einer Großstadt, sondern in der kleinen Stadt Zell im Schwarzwald findet man derzeit alles was im Bereich der Skulptur Rang und Namen hat. Die moderne Malerei von Hartung bis Ruff, von Sonderborg bis Warhol ist sowieso schon lange im ortsansässigen Museum Villa Haiss mit eindrücklichen Exponaten vertreten.
. . .