Sonnendeck – Kunstmagazin – jeden Monat neu
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STEUERBORD

Liebe Leserinnen und Leser,
geneigte Entschlüssler des Wollhaarmammut-Genoms,

es ist wohl wahr: wir leben in einer rundum restaurierten Welt. Restaurierte Körper, gehüllt in Vintage-Mode, schleichen durch rekonstruierte Altbauwohnungen, hören remasterte Hits aus den 70er Jahren und essen aufgewärmte Nudeln, die nach Hademar Bankhofer aus rückgezüchtetem Urweizen hergestellt wurden. Re-master, re-issue, re-make and re-model- fühl dich endnachhaltig und betreibe Karmakonsum. Roxy Music, die beste 70er Jahre Popband (zumindest auf den ersten 4 Alben), wussten schon 1972 auf ihrem Song Remake/Remodel: I tried but I could not find a way / Looking back all I did was look away / Next time is the best time we all know /But if there is no next time where to go? Ahnungs- und Visionslosigkeit führen zum Rückgriff auf überholte ästhetische Konzepte, die mit den heute zur Verfügung stehenden (technischen) Methoden aufgepeppt und ein zweites, ein drittes Mal verhöckert werden. Anfang September erschien eine 14 CD-Box mit allen Alben der Beatles, remastert von einer Bande Klangdesignern und Sound-Ingenieuren, die im Laufe ihrer vier Jahre währenden Arbeit jeden Studio-Huster von Lennon, jeden Seufzer von Sir James Paul McCartney zunächst aus dem Original-Tonband extrahiert, dann rekonstruiert, dann gemorpht und letztlich wieder in die ursprüngliche Soundumgebung eingebettet haben. Wir meinen: Wer braucht die x-te Version von Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band? Warum kümmern sich Ingenieure um die Toten, anstatt die Lebendigen zu unterstützen? Die neuste Scheibe von Ebony Bones klingt als sei sie um 1950 entstanden, die Straßenbahn von meinem Haus quietscht wie zur Zeit ihrer Einweihung und die Stimme von Roland Pofalla bedürfte dringend einer Überarbeitung. Nachdem wir in den zurückliegenden Dekaden gedankenlos Natur, Kultur, uns selbst und die uns umgebenden Luftschichten zerstört haben, sind wir nun in eine Phase des eifrigen Restaurierens eingetaucht. Daher verlässt nun auch der Berufsstand der Restauratoren sein Nischendasein und rückt ins Zentrum der Aufmerksamkeit von Kulturwissenschaftler, Parteisprechern und des vorliegenden sonnendecks. Zur Einführung umreißt Jörg Scheller dieses kulturelle Paradigma der Wiederherstellung und gibt einen Ausblick auf Retro-Freizeitparks, wo schon bald sibirische Wollhaarmammuts grasen könnten. Was unternommen wird wenn der Lack ab ist, erklären zwei Studierende des Restaurierungs-Studiengangs der Kunstakademie Stuttgart. Mit dem Programmkoordinator des im selben Haus angebotenen Studiengangs zur Konservierung Neuer Medien sprach Michael Reuter und hat erfahren, wie es um die Zukunft des Videokunstwerks Two Way Communication von Nam June Paik bestellt ist. Dass bald eine Restaurierung der deutschen Sprache nötig werden könnte, befürchtet Autorin Elsa-Laura Horstkötter in ihrem Artikel über Schlagzeilenintelligenz und Kiezdeutsch. Hansjörg Fröhlich war dort, wo die Vergangenheit kein Ende hat, im Naturkundemuseum Stuttgart. Ein Besuch im Atelier der Präparatoren gibt Einblick in die Restauration einstmals lebendiger Objekte. Zum Schluss möchten wir noch auf eine Dokumentation von der Restaurierung gänzlich abholder Zeitgenossen hinweisen: David Lynchs Interview Projekt

http://interviewproject.davidlynch.com/www/#/all-episodes

zeigt alle drei Tage einen neuen Kurzfilm, der in Zukunft als Vorlage zur Restaurierung der Menschen dienen könnte, denn die Interviewten sind weder remastert noch remodelt, sie sind trotz gelegentlicher Asthmaanfälle und tränender Augen, schwer down to earth.

Das sonnendeck sagt: Restore or die!