Sonnendeck
– Kunstmagazin – jeden Monat neu

STEUERBORD
Liebe Leserinnen und Leser,
geneigte Wandermedaillenträger, Poolside-Trinker und Schweigeseminarbesucher
das sonnendeck meldet sich zurück aus der Sommerpause mit einem extrem naheliegenden Thema: Die Reise hat die Menschheit schon immer umgetrieben. Früh schon sind einzelne, neugierige oder von den häuslichen Umständen enttäusche Individuen aufgestanden (das Wort Reise kommt vom althochdeutschen risan, das aufstehen bedeutet) und haben ihre sieben Sachen gepackt. Die klassischen Reisen waren Irrfahrten von höchster Güte, wir bewundern noch heute Homers Odyssee, Vergils Aeneis oder Sindbad den Seefahrer. Allesamt Abenteurer von zunächst trauriger Gestalt, die im Lauf ihrer Voyage erheblich an Persönlichkeitsprofil zulegen. Die frühe Reise war neben den Entdecker-, Pilger- und Missionars-Aspekten auch immer eine coming-of-age-Geschichte. Entsprechend verwegen war der Kreis der frühen Traveller: Windschiefe Gestalten, die mit sich und der Welt haderten und sich den Unbilden der Witterung aussetzten, einzig, um zu sich selbst oder den Tod zu finden. Erstaunlich spät, erst vor etwa 100 Jahren, kam es zu der folgenschweren Entscheidung einiger Bessergestellter, die Landpartie, also jene bis dahin einzige übliche Form der Aushäusigkeit, erheblich auszudehnen, an ferne Gestade zu verlegen und fürderhin Urlaub zu nennen. Die bekannten Tourismusformen traten zu Tage und durchliefen abnehmende Distinktionsgrade von Exklusiv- über Angestellten- zu Massen- und Sangriakübeltourismus. Seit ein paar Jahren locken uns neue Urlaubsformen, die mutmaßlich unserem, mittlerweile globalisierten, schlechten Gewissen geschuldet sind: Strandputzen auf den östlichen Seychellen, Felswandputzen in den Dolomiten, Ghettospotting als Volunteer in den Slums von Jakarta oder HIV-positiv-Berater in Pattaya. Ein Verlangen nach Absolution in den Sommerferien treibt uns scheinbar dazu, die wertvollsten, vermeintlich schönsten Wochen des Jahres mit Beschäftigungen zu füllen, um die wir uns den Rest des Jahres drücken. Doch was soll’s: Man ist so gebenedeit wie man sich fühlt. Überflüssig zu sagen, dass diese neue Form des Auslandsaufenthalts auch schon die Top 25 der Dax-notierten Betriebe erreicht hat. CEOs reisen mit der halben Chefetage um die Welt, nicht um Verträge auszuhandeln oder neue Zweigwerke zu eröffnen, sondern um im Rahmen von betrieblichen Freiwilligenprogrammen, Menschen am anderen Ende der Welt zu behelligen, die es ohnehin nicht einfach haben. Weitere Innovationen im Bereich des Neo-Tourismus‘ hat uns die verbreitete Schnäppchenmentalität beschert. Als mit der ersten Stufe der Gesundheitsreform Krankenkassen die Bezahlung von Zahnersatz ausländischer Provenienz bewilligten, setzte der sogenannte Dentaltourismus ein. Grenznahe, tschechische wie ungarische Zahnarztpraxen führten Wochenendarbeit ein. Shuttlebusse vom Bahnhof zum OP-Saal wurden nötig, als die Kunde kursierte, dass bestimmte Eingriffe im Ausland billiger oder wegen unterschiedlicher Gesetzeslage überhaupt nur dort möglich sind. Der OP-Tourismus fällt zu großen Teilen in den Bereich der plastischen und restaurativen Chirurgie. Auch das Loslassen fällt scheinbar im Ausland leichter, wie sonst hätten sich Scheidungs- und Bestattungstourismus etablieren können. Preiswert stirbt am besten - Busreisen zum Bestatter werden nach Holland, Polen und Tschechien angeboten.
Ganz weit weg von diesen garstigen Reisen aus niederen Beweggründen führt Sie, liebe Leserin, lieber Leser das vorliegende Heft. Die eifrigen sonnendeck-Mitarbeiter sind für Sie ausgeschwärmt, um von ganz im Namen der Kunst getätigten, zum Zwecke der Erbauung geführten Reisen zu berichten. An Bord unserer September-Kreuzfahrt haben wir drei Gastautoren, denen der besondere Dank der Kernredaktion gilt: Bettina Rudhof und Falk Horn berichten über eine faszinierende Entdeckung in der Toskana; Marc Wellmann lässt uns an seinem Besuch bei der Biennale in Venedig teilhaben. Schließen möchten wir diesen Monat mit einem Wort aus dem reiseerfahrenen Mund von Billy Idol: „Das Leben ist eine Reise. Nimm nicht zu viel Gepäck mit.“ Das sonnendeck sagt: Bon Voyage!
In diesem Sinne, identische Grüße vom sonnendeck