Sonnendeck – Kunstmagazin – jeden Monat neu
Steuerbord

STEUERBORD

Liebe Leserinnen und Leser,
geneigte neurolinguistische Programmierer,


Botox war gestern, Mindtox ist heute. Wie nie zuvor ist der menschliche Körper in den letzten Jahren in den Mittelpunkt gestalterischer Tätigkeit geraten. Die so populär gewordene plastische Chirurgie ist jedoch nur der leibliche Teilaspekt einer umfassenden Persönlichkeitsmodellierung, die bis zum völligen Wechsel der Identität reicht. Der Wunsch ein/e andere/r zu sein ist alt, wird aber unter den Bedingungen postmoderner Lebensgestaltung allmählich zu einer Conditio sine qua non. War bis vor kurzem die Multiple Persönlichkeit noch ein alleinig aus der Psychopathologie bekanntes Phänomen, ist sie dank NLP, Identity Coaching und dem vermehrten Anpassungsdruck an explizit normative Persönlichkeitsmuster, zu einem notwendigen Rüstzeug des Menschen im 21. Jahrhundert geworden. Die Zeiten des „ich bin wie ich bin“ sind endgültig vorüber. Eine postmoderne Arbeitswelt, ein Multitasking-vernarrtes Bild des Familienmenschen und ein von den Medien in unsere Köpfe gebranntes „Entweder Über-Star oder Ober-Loser“-Schema, minimieren zunehmend unsere Möglichkeiten uns gehen zu lassen. Das bedrängte Individuum erweitert also sein psycho-soziales Instrumentarium um einige Persönlichkeits-Tools, modelliert am eigenen Wesen und sagt sich: Sei ein anderer, um noch du selbst zu sein zu können. Selbstverständlich wird dieses Feld von Künstlern beackert, bietet es doch ungemeine Möglichkeiten der Auseinandersetzung mit den Fragen nach Ich und Gesellschaft, Wunsch und Notwendigkeit, Fremdbestimmtheit und Selbstwirksamkeit. Als zweiten Teil der Reihe Displacement 2, zeigt das sonnendeck in Kooperation mit den Galerien der Stadt Esslingen, Arbeiten der Künstlerinnen Andrea Éva Györi und Jana Kuznetsov. Beide haben auf jeweils unterschiedliche Art krasse Persönlichkeitswechsel durchgespielt und in der Doppelausstellung verdichtet. Kuznetsov verwandelt sich regelmäßig in die Kunstfigur Baddy Dolly Jane und sucht „wichtige“ Kunstevents auf, einzig um dort zu stören und selbst aufzufallen. In einer Video-Arbeit zeichnet sie den Weg der Kunstfigur vom Dasein als unbekannte Kunststudentin zum gefeierten Jungstar nach. Dauer des Aufstiegs in den Kunsthimmel: 7 Minuten. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit hat sich Györi einem Identitätswandel unterworfen: Sie lebte zwei Monate im Zimmer einer ihr fremden Frau und hat sich deren mutmaßliche Persönlichkeit zugelegt. Die Stadien des allmählichen Ich-Transfers, sind auf teilweise überschriebenen Fotografien festgehalten und neben einem Split-Brain-Interview, Gegenstand der Ausstellung.

Das sonnendeck sagt Arrivederci bis September und wünscht all seinen Lesern, Tennis-Partnern und heimlichen Sympathisanten einen tollen Sommer, viel Spaß mit dem Sommer-Ich im hoffentlich beständigen Sommerhoch und brisante Flirts am Pool. Denn wie heißt es so schön: wenn das eine Leben nichts taugt, bauen wir uns halt ein anderes. Gerade der Sommer ist die geeignete Jahreszeit zur Erprobung von Zweit-Leben, Parallel-Ichs und Reserveidentitäten. Change your mind and your ass will follow!

In diesem Sinne, identische Grüße vom sonnendeck