Sonnendeck
– Kunstmagazin – jeden Monat neu

STEUERBORD
geneigte Autofahrer und Bodybuilder
notorische Boni- und Mali-Empfänger,
diesen Monat gilt es eine ganz wunderbare, auf der Höhe der Zeit stehende und diese Zeit gleichzeitig sezierende Ausstellungsreihe anzuzeigen: Das sonnendeck kuratiert im Bahnwärterhaus der Villa Merkel in Esslingen die Doppelshow Displacement 2. Den Start machen am 3.Mai die Künstler und Trash-Fetischisten Jörg Globas und Bernhard Frey unter ihrem durchaus ernst zu nehmenden und Verheerung ankündigenden Pseudonym Flammen Commando (FLCO). In See You in Walhall, so der Titel der Ausstellung, nehmen sich FLCO in gewohnt anarchistischer Bildsprache aktuellen brandheißen Themen, wie dem Verschwinden der Superstars, der tödlichen Erotik der Ölindustrie und der offensichtlich gewordenen Verkümmerung der Gesellschaft zu einer Ansammlung von wehleidigen Vorsicht-ist-die-Mutter-der-Porzellankiste-Memmen an. Der FLCO-Kosmos aus Installation und Video, Grafik und Sound ist aggressiv und zugleich lustig bis zum Umfallen. Ein befreiender Rundumschlag gegen die zwar schon angezählte, in den mittlerweile zugigen Nischen des Karrierebürgers aber doch überwinternde Political Correctness. Eindrücklicher aber noch als dieses PC-Bashing ist die frappierende Aktualität dieser Peng-Peng-Bum-Bum-Show. Die Antiquitiertheit der Protestkultur, die Fatalität der Mineralölabhängigkeit, die ersatzlose Dekonstruktion des männlichen Role Models, die Matrixwelt der Banker, Shareholder und Boni-Sucker, der Verlust eines einigermaßen allgemeingültigen Realitätskonzeptes, durch die massive Medialisierung der gesellschaftlichen Kommunikation und die daraus folgende Korrumption der politischen und sonstigen Meinungsbildung - all diese, dem derzeitigen torkelnden Gang der Welt zugrundeliegenden Phänomene, haben Globas/Frey in ihr Panoptikum gepackt. See You in Walhall ist die Ausstellung zur Krise. (Siehe hierzu den luziden Artikel von Hansjörg Fröhlich ab Seite 6)
Doch lassen wir die Künstler selbst sprechen. Hier ein paar Stichworte, die FLCO zur Umschreibung ihrer Ausstellung im Bahnwärterhaus der Redaktion gemailt haben. (Um die Einsprachigkeit des Editorials zu erhalten und auch randständige Mitglieder der Zielgruppe zu erreichen, wurden die Statements aus dem Englischen übersetzt.) „Wenn Rambo zurückkommt, kommen FLCO auch zurück. Das nächste Kapitel der FLCO-Saga. Du kannst diese Ausstellung als Wichsvorlage nutzen, wir denken das ist vollkommen gesund und respektieren das. Die Ausstellung beinhaltet: Gerade genug Gewalt, absoluter Realismus, aufwühlendes Drama. Diese Ausstellung ist unser Geschenk an die Menschheit. FLCO sind keine hirnlosen Arschlöcher, sie sind Poeten. FLCO werden dich schützen, nichts kann dich verletzen. Wir kämpfen für die Liebe.“ Soweit die Ansage von Globas/Frey.
Weiter geht’s mit Displacement 2 dann am 28. Juni, wenn Andrea Eva Györi und Jana Kuznetsov, ebenfalls im Bahnwärterhaus der Villa Merkel in Esslingen, den vagen Begriff der Realität zerlegen und auf mutigen Pfaden oder durch bizarre Intervention, deren Fraktale ergründen.
Wie immer krisenfeste Grüße vom sonnendeck