Sonnendeck
– Kunstmagazin – jeden Monat neu

STEUERBORD
verehrte Innovatoren, frühe Anwender,
frühe Mehrheit, späte Mehrheit und Trödler.
Mit neuen Hypes und Trends im Betriebssystem Kunst ist es so eine Sache. Wer sich zu früh aus der Deckung traut, riskiert, dass sein musengeküsster Jungkünstler von der Konkurrenz verlacht oder, schlimmer noch, aufgekauft, oder, worst case, im linksliberalen Feuilleton besprochen wird. Verwandelt sich doch auf wundersame Weise jeder noch so frische Hype in eine peruanische Hock-Mumie, wenn die kalte Hand des Zustellers die Zeitung frühmorgens in den Briefkasten zwängt. So wenig der weltgewandte Individualtourist in der versteckten florentinischen Trattoria auf seine deutschen Kollegen treffen möchte – den Insider-Tipps im Marco-Polo-Reiseführer sei Dank – so wenig möchte der Sammler oder Galerist seine Geheimfavoriten in der Zeitung sehen, bevor nicht ein ansehnliches Konvolut der noch preiswerten Arbeiten im Kohlenkeller lagert oder zum Abverkauf an den Galeriewänden hängt.
Erst jetzt schlendern die Saatchies, Gagosians oder Wirths dieser Welt durch die Szene und lassen hie und da wie beiläufig die Namen der künftigen Malerstars fallen. Alternativ lassen sich so auch kommende Kunsthochburgen wie Brüssel oder Istanbul, der Siegeszug von Abstraktion und Skulptur oder das „Wagnis Wirklichkeit“ vermarkten, das die Wuppertaler Galerie Epikur zur Art Karlsruhe als Synonym für biedere Malerei entdeckte. Kleiner Tipp vom sonnendeck: Kunst aus Kuba!
Andererseits ist zu fragen, ob sich nach der Hirst-Auktion Beautiful Inside My Head Forever, dem Ground Zero des Kunsthandels, nicht alle Marktbedingungen drastisch verschoben haben. Dass heuer die „Qualität“ wieder zähle, kann der interessierte Leser allerorten erfahren, wobei zu fragen wäre, ob vor Jahresfrist nur mit Katzengold gehandelt wurde. Kunstwissenschaftler Wolfgang Ullrich konstatiert weiterhin den erfolgreichen Schulterschluss zwischen Kunst und Kapital und erteilt romantischen Vorstellungen über Kunst als Gesellschaftskritik eine klare Absage. Dagegen sieht
Petra von Olschowski die ersten zarten Knospen eines neu aufkommenden Interesses für politische Fragen beim künstlerischen Nachwuchs. Hans D. Christ vom Württembergischen Kunstverein hält allerdings die Suche nach neuen Trends für ein „regressiv konservatives“ und mithin langweiliges Unterfangen, da Trends an schon bekannte Standards geknüpft sind und so keine Überraschungen zu bieten haben.
Immerhin beobachtet die Berliner Galeristin Birgit Ostermeier einen neuen Trend zur Präsentation schwierig zu verkaufender Arbeiten und auch in Stuttgart werden trotz Krise erstaunlich viele Galerien und Off-Spaces eröffnet. Vielleicht findet sich hier der beste aller Trends: der neue Mut zum Erforschen künstlerischer Möglichkeiten.
Übrigens: Der bleibende Trend heißt sonnendeck