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Sonnendeck
– Kunstmagazin – jeden Monat neu
STEUERBORD
Liebe Leserinnen, liebe Leser,
liebe Seiler und Nahrungsergänzungsmittelproduzenten.
Für die Freunde des Fallschirmspringens gibt es nichts Schöneres als den ungebremsten Sturz zu Erde mit einer anfänglichen Normalfallbeschleunigung von 9,8 m/s2 (bei Vernachlässigung des Luftwiderstandes), die zur rechten Zeit durch das Öffnen des Hauptschirms in ein sanftes Schweben übergeht, um schließlich Mutter Erde mit einem gekonnten Abroller begrüßen zu dürfen.
Dem gegenüber ist der freie Fall im Bergsport eher negativ besetzt und der Anblick eines sich rasend schnell nähernden Geröllfeldes führt dem Kletterfreund sein Leben final vor Augen, hat er doch statt rettendem Nylongewebe nur Vesperstullen im Rucksack.
Glücklich, wer in einer solchen Situation an einem sichernden Seil mit seinen Kameraden verbunden ist und so dem drohenden Fall entgeht. Allerdings stürzten im Jahr des Herrn 2007 am Großglockner in Kärnten alle fünf Mitglieder einer Seilschaft in eine Spalte, was dem Erstverursacher nicht nur bange Blicke nach unten, sondern auch zornige Blicke von oben beschert haben dürfte.
Alles hat seine Vor- und Nachteile, mag der geneigte Leser hier anmerken und sich mit Vergils felix qui potuit rerum cognoscere causas* trösten. Verbindungen, Seilschaften und Vitamin B können helfen oder schaden. Selten kann der Mensch, im Kontext des vorliegenden Heftes im Besonderen der künstlerisch tätige Mensch, ermessen, welche Zugkraft seine geflickten Netzwerke entwickeln und ob die Zugrichtung auch tatsächlich die gewollte, die richtige und monetär lohnende ist.
Die Kunstzeitung offerierte vor einiger Zeit Ratschläge für eine veritable Künstlerkarriere: eine gute Kunsthochschule mit im Kunstmarkt verankerten Professoren, keine Ausstellungen in Sparkassen-Filialen, knuddeln mit international tätigen Kuratoren, niemals mit einer Mappe unterm Arm zu einem Galeristen gehen, Präsenz zeigen ohne aufdringlich zu sein, ein eigenes Branding aufbauen, authentisch wirken und, nicht zuletzt: Mut, Wahrheit, Tiefgang.
Wer nun meint, hier würde sich einiges widersprechen, irrt. Die künstlerische Karriere und der delikate Umgang mit freizügigen Gönnern, hilfreichen Protegés und nutzlosen Hofschranzen erfordert ein ständiges Abwägen der vorhandenen Möglichkeiten. Dem Ego-Trip als unsichtbares Malergenie, das dem Feuilletonistenmob einmal im Jahr zehn Meisterwerke vor die Füße wirft und die restliche Zeit im Drogenrausch auf wechselnden Assistentinnen verbringt, werden sich nur die wenigsten Akademieabsolventen hingeben können, von den Absolventinnen ganz zu schweigen.
Auch das sonnendeck sieht sich verstrickt in einem Geflecht aus freundschaftlichen Kontakten, nützlichen Verbindungen und einengenden Abhängigkeiten. Wir sind jedoch guten Mutes, weiterhin unseren Weg durch die düsteren Schluchten des lokalen und überregionalen Kunstmarktes zu finden. „Mancher Weg ist so tief ausgetreten, dass niemand ihn verlassen kann“, textete der Aphoristiker Holger Uwe Seitz. In diesem Sinne: Lieber mal ein Absturz, als ewig im gleichen Netz hängen und
ein zünftiges „Berg Heil!“
vom sonnendeck
* Glücklich, wem es gelang, den Grund der Dinge zu erkennen.
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