Sonnendeck – Kunstmagazin – jeden Monat neu


STEUERBORD

Liebe Leserinnen, liebe Leser,
geneigte Utopisten,

die Welt hat sich hinter einen medialen Vorhang trister Zukunftsvisionen zurückgezogen, Gewinnwarnungen jagen Rezessionspanoramen, Kirchenväter lesen Marx und die Regierung verteilt Einkaufsgutscheine, kurz, der Westen suhlt sich mal wieder in der Apokalypse. Nicht so das sonnendeck: Wir haben uns in einem Anfall von unwiderstehlicher Leichtlebigkeit der schönen neuen Welt angenommen und treten in diesem Heft für die Reanimation einer wahrlich positiven Utopie ein. Zur Sicherheit haben wir uns zwei gewichtige Mitstreiter an die Seite geholt. Der englische Soziologe Eric Hobsbawm meint ohne Utopien gebe es keine Hoffnung auf Verbesserung – und ohne Hoffnung kein Engagement. Der Analytiker der Postmoderne und Prof der Duke University Fredric Jameson geht noch weiter und bekennt: „Die Frage nach Utopien ist zum Prüfstein für unsere Fähigkeit geworden, Wandel denken zu können.“ Vereint mit diesen beiden Denkern, die trotz fortgeschrittenen Alters, den Zenit ihres Geisteslebens noch nicht überschritten haben, postulieren wir: Die Realität ist nicht mehr genug – wir brauchen die Utopie und erklären sie zur neuen Heimat des Geistes. Unter Utopie stellen wir uns eine Art Konsens-Halluzination vor, also die Gesamtheit des auf die Zukunft gerichteten Wunschdenkens, aller noch nicht im Jetzt versackten Individuen.

Utopie ist von jeher die Kunst, dem eigentlich Ortlosen einen Platz zu verschaffen. Utopien imaginieren mögliche Wirklichkeiten und behaupten damit die potentielle Realität der Fiktion. Viele zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler operieren an der Schnittstelle von Realem und Fiktivem, von Alptraum und Traum, von Sein und Schein. Der realen Welt antworten sie mit einem ganzen Mosaik möglicher Welten, das die Wirklichkeit, wie wir sie zu kennen glauben, reflektiert, bricht, transformiert und neu erfindet. Als Wunschprojektion ist der utopische Entwurf stets Bestandteil jener Gegenwart, in der er sich verfasst. Das Utopische der Kunst liegt somit darin, dass sie einen Weltbezug enthält und formiert, der zwar fiktional ist, aber zugleich das Begehren auf ein anderes Leben enthält. Sie ist derjenige zukunftsförmige Ort in der Gegenwart, an den sich utopisches Denken unmittelbar heften kann und von wo aus sich in die Zukunft denken lässt. In ihr ist die „schlechte“ Gegenwart, verstanden als das alles durchdringende Diktat der gesellschaftlichen Ökonomie, bereits überwunden.

Solcher Sehnsüchte nach in der Zukunft liegender Erfüllung abhold, frönt der Stuttgarter Künstler Johannes Schlichting auf der Mitteldoppelseite dem vollkommenen Behagen in der Gegenwart und nimmt somit eine Position des Beharrens ein. Das sonnendeck bedankt sich für den Vollmond und das atheistische Glaubensbekenntnis. Dank geht auch an Elin Doka für die unglaubliche Cover-Illustration. Kraft sitzt auf noch mehr Kraft – ein Bekenntnis zum Willen und der unbedingten Bereitschaft es mit der Zukunft aufzunehmen und zugleich noch ein Grüß Gott an die weniger zukunftsfeste Automobilindustrie.

Utopische Grüße vom sonnendeck