Sonnendeck
– Kunstmagazin – jeden Monat neu

STEUERBORD
Liebe Leserinnen, liebe Leser,
geneigte Gewaltkonsumenten,
„Prügel kommen, Prügel gehen, die Gewalt jedoch bleibt bestehen“. Mit diesem entzückenden Spruch hat uns ein anonymer Dichter schon im 16. Jahrhundert auf die Tatsache hingewiesen, dass Gewalt etwas Statisches, Immerwährendes hat. Gewalt ist demnach nicht nur die blutige Tat selbst, sondern auch die nachfolgende Angst vor erneuter Gewalt. Die Pädagogik der Züchtigung hat lange Zeit auf diese Angst vor der Wiederholung einmal erlebter Prügel gebaut, um Kinder und Schüler in ihrem Verhalten zu reglementieren. Etymologisch stammt das Wort Gewalt von verwalten ab, was noch in den rechtsstaatlichen Begriffen Staatsgewalt und Gewaltenteilung nachklingt. Wie alle Bereiche des Lebens, ist auch die Kunst von Gewalt durchdrungen. Michael Reuter schafft in seinem Artikel eine Übersicht über die Geschichte des, mal befruchtenden, mal öden Zusammentreffens beider Phänomene und erwähnt spannende Sachen wie Blutkunst und Bondage-Fotografie. Dass gemeinhin als Verbrechen gedeutete Vorkommnisse auch als Kunst verstanden werden können und wie Gewalt im Dienste des Kommerzes neue Märkte schafft, steht in Hansjörg Fröhlichs Pool-Beitrag. Elsa-Laura Horstkötter geht der befremdlichen Renaissance des Mittelalters nach und spekuliert über die Motivation von Leuten, die sich virtuelle Ritterrüstungen überziehen, statt in die Disco zu gehen. Gewalt tat, einigen Kritikern zu Folge, Georg Baselitz seinen eigenen Bildern an, indem er sie nun in seiner „Remix“-Serie weichgespült wiederholt. Freilich kann man in den neuen Baselitzschen Werken auch „eine heitere Revision der eigenen Vergangenheit“ sehen, wie der Kunsthistoriker Werner Spies in unserem Ausstellungsbericht zitiert wird. Werner Spies war auch ein enger Freund und Biograf von Max Ernst und bringt uns zu unserem neunseitigen Sonderteil: Die Kunsthalle Göppingen zeigt in einer Ausstellung Grafiken des Surrealisten und stellt sie den Werken von zwölf zeitgenössischen Künstlern gegenüber. Das sonnendeck sprach mit Werner Meyer, dem Leiter der Kunsthalle Göppingen, über die Relevanz von Max Ernst in der Gegenwartskunst, die Beschaffenheit der Wirklichkeit und die Neuerfindung der Welt durch die Collage-Technik. Kuratorin Annett Reckert stellt die teilnehmenden Künstler vor.
Sollten Sie, lieber Leser, beim Abgreifen dieser sonnendeck-Ausgabe, ein neues regionales Printprodukt namens SuR gesichtet haben, geben wir ihnen den Rat: lassen sie es liegen. Zumindest bis Sie unser Heft durchgelesen haben.
Gewaltige Grüße vom sonnendeck