Sonnendeck
– Kunstmagazin – jeden Monat neu

STEUERBORD
Liebe Leserinnen, liebe Leser,
geneigte Outsider,
schon klar, dass wir jetzt in keine Westentasche mehr passen, auch nicht in die von José Luis Garza (Konfektionsgröße 952), dem vormals dicksten Mann der Welt, der leider letzten Monat von uns gegangen ist. Er war gerade beim Abspecken, beratende Hilfe von Manuel Uribe (2006 noch 560 jetzt 310 kg) war versprochen, da hat ihn Freund Hein geholt. Schlankmagern und Gesunddarben liegen zwar gerade in diesen Krisenzeiten voll im Trend, doch wenn die Konten leerer und die Kirchen voller werden, fährt das sonnendeck-Team mit atemberaubender Lässigkeit seinen gewohnten antizyklischen Kurs weiter und wird größer, breitschultriger und noch lauter: Knapp 22 000 cm2 verdichtete Informationen und Gedanken zu Kunst und Welt, dazu luftige Grafik und platzgreifende Abbildungen. Nach fünfeinhalb Jahren Westentasche kommt ab diesen Monat nur noch die It-Bag oder die Subnotebooktasche zur Aufbewahrung unserer monatlichen BeyondArtAboveLife-Revue in Frage. Wohl bekomm‘s , liebe Lesergemeinde.
Finanzkrise hin oder her, der Zusammenbruch des marktwirtschaftlichen Betriebssystems in den letzten Monaten wirft für Künstlernaturen einiges ab. Zwar sind mit der Pleite vor allem in den USA zahlungskräftige Kunstsponsoren wie Lehman Bros. über den Jordan gegangen, aber dafür haben nun notorisch verschuldete Künstler plötzlich wieder einen ausgeglichenen Haushalt - wenn keine Bank mehr da ist, kann man auch nichts mehr zurückzahlen. Weiterer Vorteil der Krise: Neue Outsider-Art tritt in den Focus des Interesses. Aus Adresszeilen von Spam-Mails und Hochfahrgeräuschen von Computern komponierte Musicals betreten die leergefegte Bühne der Kunstrezeption. Auch der Aktienmarkt wird umgeschichtet, etwa durch die geplante feindliche Übernahme der Mineralölgesellschaft BP. Der Münsteraner Künstler Ruppe Koselleck verwandelt gefundene Teerklumpen in „Ölbilder“. Den Käufern dieser Bilder wird garantiert, dass die Hälfte der Erlöse in einen Aufkauf der Aktiengesellschaft gesteckt wird. Koselleks Motto: „Sie kaufen Kunst, und ich BP“ Alan „Big Time“ Greenspan, der Don der Deregulierung und bis 2006 ewiger Chef der US-Notenbank, sowie sein – anfänglicher - Gegenspieler Hans „Waste Of Time“ Eichel haben ein Einsehen, knien in Demut nieder und singen nun ein Bel Canto der Re-Konsolidierung. Wir vom sonnendeck stimmen ein und postulieren: Sollten Sie, lieber Leser, bis vor Monatsfrist zu den Menschen gehört haben, die ihrem Bruder keine 5000 Euro, dem Anlageberater aber 50 000 zugesteckt haben, dann überdenken Sie ihr Finanzmodell. Kaufen Sie Kunst und unterstützen Sie so ein paar sympathische Künstlerexistenzen, besser als das Geld dem Fondsmanager zu geben, der Ihnen dann die Sicht verbaut. Kunst ist ein nachwachsender Rohstoff, unbegrenzt verfügbar, annähernd kostenlos urbar, zu allen Jahreszeiten erntereif, grenzüberschreitend zu niedrigen Steuersätzen handelbar, ist in nahezu allen Kulturen von hohem ideellen Wert, sieht gut aus, frisst kein Heu und macht was her, kurz: Kunst ist das neue Gold und Ideell ist das Materiell des 21. Jahrhunderts. In diesem Sinne,
krisenfeste Grüße vom sonnendeck