zu Beginn dieser ansonsten recht amüsanten sonnendeck-Ausgabe gilt es einen Todesfall zu vermelden: Der König der postmodernen englischsprachigen Erzählkunst, David Foster Wallace, hat seinem Leben am 12. September. ein Ende gesetzt. Sein großes Thema, die Deformation der menschlichen Seele im Informationszeitalter, hat der brillante Stilist mit den Mitteln der Ironie und Absurdität und viel Sinn für den Jargon des Alltags in seinen Erzählbänden „Kleines Mädchen mit komischen Haaren“, „Kurze Interviews mit fiesen Männern“, vor allem jedoch in seinem Roman „Infinite Jest“ bis in die Haarspitzen erforscht. Auch formal hat der 1962 geborene Wallace konsequent an der Erneuerung der Literatur gearbeitet, indem er die Handlungen seiner Geschichten teilweise in ausufernde Fußnoten verlegt hat und somit einem Text immer gleich einen Subtext/Kommentar hinterherschickte. Im manischen Bemühen, einer überkomplexen Welt gerecht zu werden, hat er die derzeit gültige Enzyklopädie der westlichen Zivilisation geschaffen, eine Zusammenschau der Suche moderner Menschen nach Zugehörigkeit, Lebensinhalt und essentieller Kommunikation. Der Zeit sagte er im Januar 2007: „ich arbeite sehr langsam, Zeile für Zeile, und am Ende will ich, dass es sich eher so anhört, wie jemand DENKT, und nicht so sehr, wie jemand spricht“. Inmitten einer sich selbst zu Tode quasselnden Gesellschaft hat er sich nun erhängt. Die Literatur hat einen ihrer Besten verloren, nicht weniger als das. RIP, David.
Tot wäre Mitte September fast auch die Künstlersozialkasse (KSK) gewesen. In einer ruchlosen Aktion haben die Wirtschaftsministerien von sieben Bundesländern, darunter BaWü, dem Bundesrat empfohlen, „ dass die KSK abgeschafft oder zumindest unternehmerfreundlich reformiert wird“. Unter der Überschrift „Drittes Mittelstandsentlastungsgesetz“ sollte der weltweit einzigartigen Einrichtung zur Grundsicherung freischaffender Künstler und Publizisten der Garaus gemacht werden. Die KSK übernimmt die Hälfte der Beiträge zur Renten- und Krankenversicherung ihrer derzeit 160 000 Mitglieder (durchschnittliches Jahreseinkommen 12 000 Euro). Die dafür erforderlichen Mittel stammen zu 20 % vom Bund, 80 % kommt von den Verwertern (Verlage, Plattenfirmen, Orchester, Theater, Museen, etc.), die eine 4,9 prozentige Abgabe auf das Künstlerhonorar an die KSK abführen müssen. Nach Bekanntwerden des niederträchtigen Vorgangs, brach ein Sturm der Empörung aus. Politiker aus Bund und Ländern, aber auch viele Verwerter protestierten. Daraufhin zog der federführende Wirtschaftsausschuss die Initiative angesichts mangelnder Mehrheitsfähigkeit zurück.
Doch nun zur vorliegenden Ausgabe. Im August kategorisierte das Stadtmagazin „Lift“ in einem Beitrag zur „Offspace-Szene Stuttgarts“ unser sonnendeck als FANZINE. Wir haben diesen klaren Fauxpas der lieben Kollegen aus der Falbenhennenstraße zum Anlass genommen, mit dieser Ausgabe zu zeigen, wie unser immer-frisches, von zu beneidender Detailkenntnis, analytischer Klarheit, kitzelndem Witz und entwaffnendem Charme nur so sprühendes sonnendeck aussehen würde, wenn wir tatsächlich ein Fanzine wären.
FANatische Grüße vom sonnendeck