wir erleben es gerade in den USA und werden das komplette nächste Jahr im eigenen Land darunter leiden. Wahlkampfzeiten sind Bullenjahre für Strategen. Ihre verblüffende Fähigkeit aus Sachdiskussionen Laientheater zu machen, aus thematischen Positionen Ranking-, Poll- und Chartswerte abzuleiten, gibt den Spindoctors, Wahlkampfberatern und Facemarketing-Experten einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die Meinungsbildung und das Wählerverhalten. Strategien beschränken sich natürlich nicht nur auf die Politik, sondern umgeben uns wie riesige und doch kaum sichtbare Spinnennetze. In unserer postmodernen Welt sind wir umgeben von Vektorendiagrammen, Machbarkeitsstudien, Marktanalysen ect. die jeweils Teil einer Strategie sind. Da freut man sich natürlich über die leicht durchschaubaren Strategien, hängt man doch dem gefährlichen Irrglauben an, eine Strategie wäre entschärft, ihr Einfluss wirkungslos gemacht, wenn man sie erstmal erkannt und begriffen hat. Schauen wir uns ein paar Ereignisse aus dem Kunst- und Kulturleben der letzten Monate an. Grimmepreisträgerin Charlotte Roche gibt ihren ersten Roman „Feuchtgebiete“ heraus. Ein Knaller im lavierenden Buchhandel und unbedingt lesenswert für Menschen, die schon immer wissen wollten, welches Lustpotential im kreisförmigen Reiben des nackten Popos auf einer versifften Klobrille steckt. Roches Strategie ist simpel und erfolgreich: Wo liegen die letzten literarisch ausbeutbaren Tabus und welche Dosis Ekel führt zur maximalen (Lese)Lust. In ähnlich hormonalen Gewässern fischt der Kölnischwasserhersteller pheroline, legt der erfolgreichen Vermarktung seines Duftwässerchens für soziophobe Männer aber eine archaische Strategie der Natur zu Grunde. pheroline enthält einen beträchtlichen Anteil von Pheromonen die Frauen anziehen, die sich dann ausziehen. Die im Internet veröffentlichten, vermutlich vom Hersteller lancierten Erfahrungsberichte, warten noch auf einen Buchverleger, der die neue Gattung des Stalking-Romans begründen möchte. Mit rund 50 US$ pro Flakon bewegt man sich in einem finanziellen Spielraum, der zum Erwerb einer Damien Hirst-Arbeit schon längst nicht mehr ausreicht, deren Besitz aber zweifellos eine ähnliche Attraktionswirkung auf potentielle Partner hätte wie pheroline. Strategisch gesehen ist also der Erwerb der Pheromonplörre vernünftiger. Das kratzt Hirst jedoch nicht, denn er hat seine Metastrategie schon positioniert: 1. Keine öffentlichen Ausstellungen neuer Arbeiten seit Jahren, sondern 2. nur beim Galeristen hängen. Und weil das ihm zu viel Geraffel ist, liefert er 3. jetzt nur noch direkt ans Auktionshaus Sotheby’s. Wie wir alle sofort erkennen, wendet Hirst eine klassische Drei-Punkte-Strategie an, mit der er unter den derzeitigen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen nicht falsch liegt. Zuspruch bekommt Hirst vom Bayrischen Zahnärzteblatt, das in seiner aktuellen Ausgabe die Drei-Punkte-Strategie, gewohnt verlässlich, wie folgt zusammenfasst: Frustrationsdynamik erkennen – Erfolgsfähigkeit stabilisieren. In diesem Sinne strategische Grüße vom sonnendeck |