Sonnendeck – Stuttgarter Kunstnotizen Ausgabe Juni 2008

STEUERBORD

Sehr gehrte Leserinnen, sehr gehrte Leser,
liebe moderne Kunst,

die Produktion dieser sonnendeck-Ausgabe fiel in stürmische Wochen. Beim gelegentlichen Abschweifen von der Textarbeit in die Newsportale des wwws, blickten leidgeprüfte Gesichter unsere Autoren an. Zyklon Nargis hinterließ in Birma neben unsäglichem Elend, zerstörten Lebensträumen, auch eine Installation von Wellblechdächern, gesplittertem Holz, Verpackungsmaterial und asiatischem Tuch, wie sie selbst der wenige Tage nach dem Wirbelsturm verstorbene Gigant der zweiten Moderne, Robert „Müllmann“ Rauschenberg nicht besser hingekriegt hätte. Der Texaner mit deutschem Großvater, gehörte zu einer Künstlergeneration der es noch vergönnt war, bei Ausstellungseröffnungen „das Fallen der Kinnladen“ im Publikum zu hören. Als Arbeiter „an der Grenze von Leben und Kunst“ traktierte er die Nachkriegswelt mit seinen Assemblagen aus Strandgut der Zivilisation: Pappkartons, Lumpen, Zeitungsausrisse und ausgestopfte Tiere, mit Farbklecksen zu Skulpturen kombiniert, die nach Jahren des abstrakten Expressionismus, endlich wieder mehr über die Welt als über den Künstler sagten. Ein ähnlicher, jedoch anders gelagerter Paradigmenwechsel, vollzog sich in den letzten Jahren auch in der zeitgenössischen Malerei, die sich wieder mehr dem Figurativen zuwendet, mit Materialien und Formen spielt und so eine neue Narration gebiert. Diesen „New Spirit in Painting“ stellt eine Gruppenausstellung der Villa Merkel in Esslingen vor. In einem Interview diskutieren die Kuratoren Marcus Weber und Andreas Baur den Malereiboom, die Besonderheiten der deutschen Kunstlandschaft und natürlich ihre Ausstellung.

Doch zurück zu den Katastrophengebieten. Dort, in China und Birma, wird derzeit neben professioneller Hilfe und einem menschlicheren Staatsapparat, vor allem ein Mann vermisst: Henri Cartier-Bresson. Der französische Meisterfotograf lebte selbst lange Zeit in Asien. Nicht nur dort hat er in seiner „Draufdrücken im Vorbeigehen“-Manier Aufnahmen geschaffen, wie wir sie jetzt gerne als Illustration zu den Berichten aus Rangun oder Chengdu sehen würden. Bilder, die den entscheidenden Augenblick übermitteln und wohltuend konzentriert und zärtlich die Welt jenseits des Sichtbaren zeigen. Was für ein Unterschied zu den Bilderflutproduzenten, die derzeit Katastrophen für ein Weltpublikum visuell aufbereiten und doch immer nur zeigen, was der Betrachter, vor dem Rechner, dem Fernseher oder mit der Nase in der Zeitung, erwartet. Die Galerie der Stadt Fellbach zeigt derzeit Cartier-Bressons Paris-Bilder. Anderen Fluten hat sich Elsa-Laura Horstkötter ausgesetzt. Sie ließ sich im Ulmer Museum durch eine Medieninstallation der Münchner Künstlerin Michaela Melián treiben und landete in einem „Zirkel der Grenzenlosigkeit“. Unweit der Münsterstadt, im beschaulichen Biberach, wurde Redakteur Reuter einiger Skizzen ansichtig, die Menschen in zumindest ungemütlichen Körperhaltungen zeigen. Kolumnist Schlöder arbeitet sich weiterhin an den praktischen Problemen eines Lebens in der Moderne ab. Diesen Monat stellt er uns einen Versandhandel vor, der sich unter anderem dem Gießen von hochhängenden Zimmerpflanzen und der Problematik der Handfreiheit bei Stehpartys mit Gratisverzehr annimmt. Was will man mehr?

Moderne Grüße vom sonnendeck