Sonnendeck – Stuttgarter Kunstnotizen Ausgabe April 2008

STEUERBORD

Liebe Leserinnen, liebe Leser,
liebe leidende Kunstkritiker,

Kunstkritik ist ein vermintes Gelände. Dabei könnte alles so schön sein. Noch nie wurde soviel Kunst produziert wie heute. Noch nie wurde soviel über Kunst geredet wie heute. Tonnen von Geld werden in Form von Stipendien über dem künstlerischen Nachwuchs geleert, sieche Witwen spenden großzügig mit warmen oder kalten Händen für kulturelle Projekte und in den entlegensten Winkeln der Welt wachsen private Museen in den Himmel. Der Kunstmarkt brummt und die leeren Schwimmbecken der Wohlhabenden füllen sich mit noch feuchten Leinwänden aus den Akademien. The best is yet to come: Indien, Russland und die Ölstaaten.
Den Kritiker schlagen sie derweil mit dem Knüppel. Die erste Suche im Internet führt unter www.kunstkritik.de zu einer Britta, die auf ihrer Homepage gesteht: „Ganz aktuell: Ich hasse Sportfreunde Stiller und liebe Tocotronic !!!“ Die Maus zuckt kurz und landet bei den nächsten Treffern: „Das Versagen der Kunstmanager“, „Kritik der Kunst – Kritik der Kritik“, „Ist die Kunstkritik am Ende“. Es ist ein Jammer.
Christian Demand, Professor für Kunstgeschichte in Nürnberg, hält „die Pose des Generalkritikers, wie sie im klassischen Feuilleton noch immer gepflegt wird“, für erledigt. Denn es gibt keinen großen „Singular Kunst“ mehr, sondern nur noch ein „unübersichtliches Nebeneinander ästhetischer Galaxien“ und auch das Publikum ist „längst in partiale Aufmerksamkeitsinseln“ zerfallen. Für wen also schreiben wir? Und warum? Die Pulle Rotwein bei den Redaktionssitzungen darf nicht einziger Sinn unserer Anstrengungen sein. Landauf, landab erklingt das Klagen des Kritikers auf der Suche nach seiner Rolle in Zeiten eines publizistischen Überangebots. Immer mehr Kunst, immer mehr Sammler, Museen, beschriebenes Papier und Blogs im Internet – wer behält hier noch den Überblick? Scheiß Pluralität!
Das Sonnendeck macht aus der Not eine Tugend und führt zusammen, was nicht zusammengehört. Wir haben einen Auftrag! Interviews mit bedeutenden Theoretikern, geführt von zukünftigen bedeutenden Theoretikern, klassische Ausstellungskritiken und deren wütende Negation, lokale Berichterstattung und der schräge Blick in die weite Welt – alles in einem Heft, alles umsonst. Umsonst im Sinne von kostenfrei!
Eine intellektuelle Erweiterung des Horizonts bietet die neue Kooperation mit einer Institution, die just in diesem Jahr ihren 30sten Geburtstag feiert. Das Stuttgarter Künstlerhaus, ein Hort der Theorie und verhasst bei Freunden der seichten Unterhaltung (Bloß keine schönen Bilder!) bekommt ausreichend Platz im Heft, um das Sonnendeck-Niveau in nie gekannte Höhen zu lüpfen. Unter dem Titel Tijuana werden uns in den kommenden Monaten Themen wie „Die Konstruktion von Zukunft“, „Was heißt kuratieren“ oder „Learning from the global South – Selbstbau, Flexibilität, Mobilität“ begleiten. Natürlich alles in Maßen. Wohl bekomm´s.

Selbstbewusste Grüße vom Sonnendeck