Eins – Null, On – Off. Im Binärsystem des Kunstmarkts galt es noch nie als schick, eine Null zu sein. Frisch aus den Akademien quillen die Absolventen selbstbewusst und staatstragend hervor. Wer nicht sofort On ist, verbleibt im Off-Hades, bis ihm die Ohren abfallen. Wer in schlecht beheizten Abbruchhäusern Räume besetzt, um Kunst zu präsentieren, verschwendet seine Energie, ist für alle Zeiten auf staatliche Transferleistungen angewiesen und verkommt zur Freakshow, zum Sammelbecken für Hungerkünstler, arme Poeten und zukünftige Blutkonserven-Kuriere.
In einer mythischen Zeit, als die Menschheit sich über Kunst noch zu erregen wusste, gebührte dem Off-Space die Rolle eines subkutan injizierten, gesellschaftlichen Gifts. Schön langsam sollte es zu Entzündungsreaktionen des umliegenden bürgerlichen Gewebes führen. Doch nichts geschah, die Radikalität der Kunst erlag den Abwehrkräften des Kapitals.
Jonathan Meese sagte vor ein paar Wochen, es gebe ein Menschenrecht auf Radikalität. Die Süddeutsche Zeitung winkte gleich ab und befand, „dass diese Radikalitätsgeste selbst verstaubt im Museum der Moderne herumsteht und durch bloße Wiederholung plus Überbietung nicht frischer wird“. Recht hat sie.
Aber braucht der Off-Space die Radikalität? Ist er tatsächlich nur das Gegenteil von Geld, Macht und Einfluss? Ist er nur deshalb Off, weil er nicht gut genug ist? Oder ist er einfach anders, eine Probebühne, ein Laboratorium, eine Keimzelle für Kommendes, eine Antwort auf schiere Größe, eine Zuflucht und ein Partyraum, halt irgendwie Off und irgendwie auch stolz drauf?
Das Sonnendeck hat keine Kosten gescheut, um Antworten zu finden, und wie der Zufall es will, öffnet am 27. Februar die einzige deutsche Off-Space-Messe, die UND#3 in Karlsruhe ihre Pforten. Elsa-Laura Horstkötter hat sich dort im Vorfeld umgesehen und einige besonders agile Kunstinitiativen gefunden.
Michael Reuter versucht sich im Meer der künstlerischen Beliebigkeit an einer Kartierung Stuttgarter Off-Inseln, die im Angesicht eines 21-köpfigen Seeungeheuers leben müssen, das viele der kleinen Eilande zu verschlingen droht. Jochen Schlöder hegt heimatliche Gefühle für den Off-Space und Jörg Scheller beschreibt ihn als Transitstation für Kunstkarrieren. Im wahrsten Sinne im Off weilt zurzeit auch Redaktionsleiter Hansjörg Fröhlich, der uns an seinen Erlebnissen im fernen Vietnam teilhaben lässt.
Binäre Grüße vom 01010011 01101111 01101110 01101110 01100101 01101110 01100100 01100101 01100011 01101011