Sonnendeck – Stuttgarter Kunstnotizen Ausgabe Januar 2008

STEUERBORD

Liebe Leserinnen, liebe Leser,
geneigte Propheten,

da haben wir ja nochmal Glück gehabt. Für das zurückliegende Jahr waren unerfreuliche bis fatale Ereignisse prognostiziert, doch keines ist eingetreten. Nostradamus hatte für 2007 eine Hungersnot vorgesehen, die weite Teile Europas geißeln würde, indische Palmblattleser planten für unsere Region gar den Untergang der Zivilgesellschaft. Die Urschriften der Palmblätter wurden von einer Gruppe mythologischer Wesen – den Rishis – verfasst, die etwa 5000 v. Chr. gelebt haben sollen. Der Überlieferung zufolge nutzten die Rishis ihre spirituellen Fähigkeiten dazu, aus der Akasha-Chronik, dem so genannten „Weltgedächtnis“ die Lebensläufe von mehreren Millionen Menschen zu lesen und schriftlich auf den getrockneten Blättern der Stechpalme zu fixieren. In den Palmblatt-Bibliotheken werden jedoch nicht nur Voraussagen über die individuellen Schicksale verschiedener Menschen aufbewahrt. Es existieren auch zahlreiche Palmblattmanuskripte, deren Inhalt sich mit künftigen gesellschaftlichen Entwicklungen beschäftigt. Für 2007 haben die Ahnen folgendes prophezeit: „Im Jahr 2007 nach westlichem Kalender wird es in den großen Städten Deutschlands zu verstärkten Protesten der einfachen Menschen gegen die Politik der Regierung und gegen die wirtschaftlich Mächtigen kommen. Die Forderungen und Argumente der Protestierenden werden zerredet und der Lächerlichkeit preisgegeben. Die Mächtigen hinter den Regenten werden dafür sorgen, dass in der Öffentlichkeit die wahre Lage verschleiert wird. Sie werden viele Informationen geben, die nicht der Wahrheit entsprechen, aber von einzelnen nicht überprüft werden können. So wird es heißen, dass sich die Wirtschaft sehr gut entwickelt und viele Menschen wieder Arbeit finden, verschwiegen wird jedoch, dass diese Menschen von dem Lohn für diese Arbeit nicht leben können. Die Situation in der Gesellschaft spitzt sich ab dem Frühling des Jahres 2007 immer mehr zu. Gewalt und Unsicherheit regieren, vor allem in den großen Stätten, wo die Probleme am dringendsten sind, bricht das Gemeinwesen zusammen.“ Schon erstaunlich was die Mönche vor 7000 Jahren schon alles wussten. G8-Gipfel, der Lokführerstreik, die Diskussion um Mindestlöhne und Computerüberwachung – alles drin. Zum Glück lagen sie jedoch bei der Prognose, dies alles würde zum Zusammenbruch der Gesellschaft führen, falsch.
Auf weitaus belastbareren Daten fußen die Prognosen dieses Hefts. Das sonnendeck hat eine Schar von hellsehenden Mitarbeiten gebeten, 2008 vor uns auszubreiten. Jörg Scheller kündigt ein Kunstjahr der Besinnung an, Redakteur Fröhlich hat die Untergangsszenarien der Börsenanalysten untersucht. Elsa-Laura Horstkötter weiß jetzt schon wie die Polke-Ausstellung in Tübingen wird und was das Kunstjahr sonst noch zu bieten hat. Den Stuttgarter Filmwinter hat Michael Reuter gescannt. Galaktische „Weiße Löcher“ fand Kai Bauer in Kirchheim und Jochen Schlöder wünscht sich für 2008 zur Not ein Spitzwegjahr.
Prophetische Grüße vom sonnendeck