Sonnendeck – Stuttgarter Kunstnotizen Ausgabe Oktober 2007

STEUERBORD

Sehr geehrte Leserinnen, sehr geehrte Leser,
liebe Kardinäle,

endlich ist es raus. Einer musste es ja mal sagen, um den Schlendrian zu beenden. Konnte ja nicht so weiter gehen mit der Kunst; Will Schöpfung sein und beleidigt die Edelsten der Geschöpfe, und unter ihnen die Statthalter Gottes. Seit Mitte September wissen wir es: Dem Kardinal Meisner aus Kölle missfallen die Kreationen, welche die Ateliers der Welt verlassen. Sein Kreuzzug gegen etwas, was er „entartete“ Kunst nennt, begann mit der Kritik an Gerhard Richters Kölner Domfenster und dehnte sich rasch auf alle abstrakte Kunst aus. Kunst soll das „Göttliche“ abbilden, darf kein Selbstzweck sein und habe der „Gottesverehrung“ zu dienen, so Meisners Credo. Schlimm genug, dass sich unser Hirte des Nazi-Vokabulars bedient, und so einmal mehr zeigt wie nahe sich gefaltete Hände und gefesselte Hände immer noch sind. Der eigentliche Aufreger ist aber die Tatsache, dass sich hier ein Christenmann außerhalb seines jenseitigen Kompetenz­bereichs ungefragt über zutiefst Diesseitiges äußert. Klar bevorzugt ein Mann vom Schlage Meisners Abbildungen zarter Madonnen, die mit spitzen Fingern an roten Knospen zupfen (hoffentlich sind es Rosenknospen), während der kleine Jesus im Gras mit einem Lämmchen spielt. Das kann man einem wie ihm, der Zeit seines Lebens in einer mythologischen Geisteswelt begraben liegt nicht ausschlagen. Doch dass es außerhalb seiner Kirche eine Welt gibt, die auf einem Pluralismus der Ästhetik und der Meinung fußt, sollte ihm schon mal jemand sagen. Wenn er schon diesen Meinungspluralismus in Anspruch nimmt, indem er haltloses Zeug zur Kunst ablässt, dann sollte Meisner bitteschön auch den anderen Teil der Vielfalt hinnehmen und die Künstler die Wege gehen lassen, welche ihnen als die richtigen erscheinen. Schaut man sich des Kardinals Credo genauer an, zeigen sich ungeahnte Parallelen zu einer anderen großen monotheistischen Religion: Meisner fordert die Künstler auf nur noch die Schöpfung abzubilden, plädiert also für eine Art Bilderverbot, das alle abstrakte Darstellung bannt. Der Islam kennt ein genau reziprokes Bildverbot, er verbietet alle gegenständliche Darstellungen der Schöpfung. Ist Meisner auf dem Weg des Propheten, will er eine fundamentalistische Christen­welt schaffen, nach dem Motto ‚was die können, können wir schon längst’? Sollte er diesen Kardinalfehler begehen, wer kann den Hirten stoppen, und was sagt der Mann mit der roten Mütze dazu? Fragen die uns bewegen, aber nicht beeinflussen werden, denn wir – Künstler, Kunstgenießer und Galeristen – machen weiter wie bisher, so lange bis die Hölle zufriert.

Ebenfalls mit religiösem Eifer wurden, Sonnendeck-Herausgeber Strzelski und Textchef Fröhlich bei einer Erbauungsfahrt zur documenta 12 konfrontiert. Diese Ausgabe blickt auf die letzte Woche beendete Ausstellung zurück.

Kardinale Grüße vom Sonnendeck