Sonnendeck – Stuttgarter Kunstnotizen Ausgabe September 2007

STEUERBORD

Liebe Jubiläumsgäste,
geneigte Kunstspekulanten,

Ein „Kunstboom“ zieht nun schon das zweite Jahr durch Land und Erdenkreis. Glaubt man den Ausführungen der Fachpresse, Tageszeitungen und Glamourheftchen, stellt der Kauf und Verkauf von Kunstwerken seit einiger Zeit die renditeträchtigste Form der Beteiligung am Wirtschaftskreislauf dar. „In einer Zeit, da sich selbst Oligarchen ihres Reichtums nicht mehr sicher sein können, sind Gemälde eine vergleichsweise sichere Geldanlage“, meint Sonja Zekri in der SZ. Jüngste Entwicklungen des internationalen Finanzmarkts bestätigen dies. Die US-amerikanische Immobilienbranche ist am Zusammenbrechen, mit ihr verbandelte europäische und deutsche Banken gehen in die Knie und müssen mit kräftigen Finanzspritzen der Zentralbanken am Wegknicken gehindert werden. Selbst Hedgefonds sind am Jammern. Der Immobilientraum ist ausgeträumt, da scheint die Kunst ein charmantes Betätigungsfeld für Leute mit großen oder kleinen Geldüberschüssen zu sein. Kunst verliert man nicht so leicht wie einen lukrativen Posten und ist wertbeständiger als Aktien. Ein weiterer, nicht zu unterschätzender Vorteil des Kunstinvestors ist der Imagegewinn. Wer sein Geld in Kunst steckt, profitiert auch vom Image des Kunstsammlers, der zumindest bis dato als Cognac schwenkender Philanthrop, als mildtätiger Unterstützer genialer Künstlerexistenzen gilt. Ein rundum ok-er Typ also, der mit seinem monetären Engagement für die Kunst, genau jene Disziplin fördert, die laut dem Zürcher Galeristen Iwan Wirth (36), „unsere dünne Zivilisationsdecke verstärkt, indem sie sich mit Problemen, Krämpfen und Ängsten auseinandersetzt“. Ein Platz im Auktionsraum von Christie’s oder Sotheby’s ist demnach ein Platz an der Speerspitze unserer Zivilisation. Jedenfalls wird ein Kunstsammler nicht als Geldsack, Immobilienhai oder Aktienheini beschimpft. Das neue Monopoly ist also eröffnet, die Parkallee heißt jetzt „Goldene Adele“ (Klimt), die Lessingstraße „Green Car Crash“ (Warhol) und die Badstraße wurde in „Herbstsonne“ (Schiele) umbenannt. Die Ereignis-Karten liefern „Gala“, „Monopol“ und die „Financial Times“, und wer die Wahrheit sagt, muss wie immer ins Gefängnis. Dort sitzt er aber nur kurz, wenn er seinen Francis Bacon „Study from Innocent X“ rausrückt.
Kunst als Zahlungs-, Tausch- und Schmiermittel ist eigentlich nichts Neues, bekommt aber derzeit durch die Unzuverlässigkeit anderer Anlageobjekte schweren Auftrieb. Kunst getauscht wurde schon immer. Denken wir an die Kerker der Inquisition, wo die Insassen feine Teedeckchen, die sie aus den Fäden des eigenen Hemds häkelten, bei den Wärtern gegen eine Tagessuppe eintauschten. Oder an die Kindheit, als die Kindergartenfreundin im Tausch gegen ein kunstvoll geflochtenes Gänseblümchenarmband einen Kuss erzwingen wollte. Selbst ein unbeeinträchtigter Schlaf unter einem regendichten Gebälk wurde schon gegen Kunst eingetauscht. Das New Yorker Hotel Chelsea, seit jeher Schlafzimmer der Boheme, hat so manchen seiner Künstler-Gäste gegen die Herausgabe eines Bildes oder einer Komposition, ziehen lassen. Wer also seinen Urlaub noch nicht hinter sich und zufällig ein paar schwer verkäufliche Gemälde im Keller stehen hat, sollte dort auftauchen. Die Adresse: The Hotel Chelsea, 222 W. 23rd St, New York, NY 10011, Tel +1 212 243 3700.

Monopolistische Grüße vom Sonnendeck

Zum fünfzigsten Mal Grüße, die RED