Sonnendeck – Stuttgarter Kunstnotizen Ausgabe August 2007

STEUERBORD

Liebe Jubiläumsgäste,
geneigte Kunstfreunde,

wie auf dem Titel unschwer zu erkennen, lesen Sie gerade in der 50. Ausgabe des Sonnendecks. Benannt nach einem bemerkenswert lakonischen Pop-Song des Bachmann-Nebenpreisträgers Peter Licht, starteten wir im Juli 2003 in dezentem Taubenblau das Projekt mit dem Aufmacher „Stuttgarts neuer Kunstführer ist da“. Trotz der Farbwahl, die ja Unendlichkeit, Weite von Himmel und Meer und kontemplative Ewigkeit nahe legt, dachte die Sonnendeck-Crew damals eher an eine Liaison temporaire, als an ein mehrjähriges mediales Engagement. Doch wie es bei den Liebschaften eben so ist, entsteht im Schatten der unbekümmerten Gegenwartsverliebtheit eine Hartnäckigkeit, die in die Zukunft weist. Nur wer im Jetzt wurstelt, bekommt Besuch vom Morgen. 50 Ausgaben lang begleiten wir nun schon die Fährnisse der Kunst in Stuttgart, der Region und manchmal auch im Rest der Welt. Dabei stellen wir uns nie die Frage, „ist das noch Kunst?“, sondern fragen uns stets, „was ist, wenn es Kunst wäre?“. Diese Annahme einer „mutmaßlichen Kunst“ erlaubte es uns, locker und unvoreingenommen von so unterschiedlichen Kunstevents zu berichten, wie beispielsweise der MOMA Berlin und den Flashmobs des Jahres 2005, oder von der Wachablösung in der STAGA und den Porträtmaler in den Straßen unserer Partnerstadt Bombay. Neben diesen Artikeln zu konkreten Kunstwerken und Künstlern, widmen wir uns regelmäßig ihrem Nährboden: der Gesellschaft, den Zeitströmungen, den Produktionsbedingungen sozusagen, der Beschaffenheit der Biotope.
Im Laufe der 50 Ausgaben Sonnendeck kam es natürlich zu etlichen Begegnungen; ein wenig Namedropping zum Jubiläum: Kooperationen bestanden etwa mit der Kunstakademie Stuttgart, der Villa Merkel Esslingen und dem Kunstmuseum Stuttgart, dessen Umzug ins neue Haus wir begleitet haben. Eine Artikelserie zu Cooperate Culture beleuchtete das Verhältnis zwischen Kunst und Unternehmertum. Interviewpartner waren über die Jahre unter anderen: Beat Wyss, Les Levine, Pfarrer Müller, Eva und Adele, Hans Jürgen Müller und Tobias Rehberger. Unsere seit der ersten Ausgabe als Spielwiese verankerte Mitteldoppelseite gestalteten so illustere Künstler wie Harald Braun, Olaf Quantius, Jonathan Meese, Lenka Clayton, Thitz und die Weissenhofer. Ein weiteres zentrales Gestaltungselement ist das Icon im Editorial, welches seit Februar 2004 von unserem Grafik-Designer Christian Steeneck, in Anlehnung an das jeweilige Poolthema entworfen wird. Für diese Ausgabe hat Steeneck ein kleines Best of zusammengestellt, Redakteur Fröhlich hat die Icons mit zeitgenössischen Infosamples kommentiert.
Im Februar 2007 kam es ausgerechnet im Monat mit dem Poolthema Selbstbeherrschung zur Sezession innerhalb der Redaktionscrew. Wegen schon länger schwelenden Auseinandersetzungen über die Organisation, Transparenz, Arbeitsteilung innerhalb des Sonnendecks verabschiedeten sich Journalist/innen und Sonnendeckler der ersten Stunde: Eva Maria Schlosser, Petra Mostbacher-Dix, Helene Schwab und Marko Schacher folgten Despina Vradelis, die schon im Sommer 2006 von Bord gegangen war. Der einzig verbleibende Schreiber aus der Ur-Textredaktion, Hansjörg Fröhlich, befand sich zu allem Überfluss auf einer seiner Orientierungsfahrten durch Asien. Jörg Scheller, Sonnendeckschreiber der zweiten Generation, manövrierte mit Herausgeber Strzelski und Grafik-Designer Steeneck das angeschlagene Sonnendeck in ruhigere Gewässer. Dort befindet es sich auch nach dem 50. Heft, wie immer den Horizont im Blick. Das vorliegende Heft widmet sich neben einem Artikel von Sabine Giese über Theo Aeckerle und die Stuttgarter Sezession und einer Nachlese zur Art Unlimited Basel vom Karlsruher Kunstprofessor Axel Heil, ganz dem Fotosommer: Berichtet wird von der Fokus 0711 benannten Ausstellung Stuttgarter Fotografen im Rathaus. Ein Artikel zu den Fotografien tätowierter Frauen von Fotosommer-Mitorganisator Boris Schmalenberger bietet Anlass, abermals die Brücke zum Juli 2003 zu schlagen und dieses 50. Editorial zu schließen: Schmalenberger war Interviewpartner von Petra Mostbacher-Dix in der ersten Ausgabe.

Zum fünfzigsten Mal Grüße, die RED