Die Moderne ist der Steinbruch der Postmoderne, die Verrücktheiten von gestern sind die Beweggründe von morgen – wir wissen es. 70ies-Glamrock-Gitarren und Disco-Fanfaren in der aktuellen Charts-Musik, die Rückkehr des Hosenträgers zum Rüschenhemd in der Haute Couture, vorindustrielle Produktionsbedingungen in der globalen Fabrik – wir leben in einer Welt aus Zitatpop. Auch in der Kunst war das schon immer so. Einen griechischen Tempel einreißen, und aus den Trümmern einen römischen bauen. Und was ist neu? Konnte Ad Reinhardt Mitte letzten Jahrhunderts noch lässig sagen, „art is art, everything else is everything else“, so sollten wir uns heute fragen: Was ist Kunst, was ist Realität, wenn Realität doch perfekt inszeniert ist.
Da sitzt Mutter Merkel mit ihren sieben Bengeln an der Ostsee und inszeniert ein theatralisches Happening für alle. Die Welt ist eine Bühne und jeder hat seine Rolle, ja, ist seine Rolle: Die Regierungsdarsteller, mal Kriegstreiber, mal Kinderhätschler; die Musikerpolitiker, mal Steuerflüchtling, mal Afrikaretter; die Protestanten, mal Clown, mal Steinewerfer; die Polizisten, mal Vertrauenslehrer, mal Agent provocateur; die Evangelischen schicken eine bekümmerte Grußbotschaft aus Köln, die Künstler einen Beitrag zu „Kunst am Zaun“. Und der Rest, das Weltvolk? Die spielen ihre Rolle als Statisten in den Statistiken der Prognosegruppen und schreiben kurz vor der Generalprobe eine nervöse E-Mail an Attac, bzw. an den engagierten Pfarrer, bzw. an die Süddeutsche Zeitung. Wie hilflos ist das eigentlich? Gar nicht, liebe Sonnendeck-Leser, das ist Bauerntheater wie man’s kennt. Jeder im globalen Dorf hat eine Stimme und darf spontan was aufsagen. Wunderbar inszeniert, was ein Budget von 120 Mio. Euro eben so ermöglicht. Und wie auf der Theaterbühne sind die Mächtigen gar nicht so mächtig – nicht nur weil 3 der 7 Bengel schon im Ruhestand (Blair) oder in Altersteilzeit (Bush, Putin) sind, sondern weil globale Entscheidungen an nicht öffentlichen Orten von mandatslosen Gestalten getroffen werden. Auch Merkels Gesprächspartner zum Tagesordnungspunkt Afrika entstammen dem inszenierenden Gewerbe. Bono und Geldof, zwei Musiker, die sich als Botschafter und Paten Afrikas verstehen. Doch zurück zum Thema: Was kann Kunst schon noch sein, wenn die Realität wahrhaft künstlich ist, perfekt inszeniert ist? Oder andersherum, was bleibt noch, nachdem die Kunst ihr Vorrecht auf Distanz und damit ihre Souveränität aufgegeben hat? Wir wissen es längst, Kunst ist heute ein Spektakel unter vielen. Soll ihr Gehör verschafft werden, muss wie bei jedem gewöhnlichen Produkt die Schlagzahl erhöht, der Absatzmarkt erweitert und die mediale Präsenz verstärkt werden. Biennale Venedig, Art Basel, Documenta und Skulptur Projekte Münster eröffneten vorigen Monat alle binnen einer Woche und werden uns, mit Ausnahme der Art, durch den Sommer begleiten. Medienevent wird Medienevent jagen, bis durch die Dauerpräsenz auch noch etwaige Reste von Aussage und Haltung, also jener Souveränität, die Kunst einmal so relevant gemacht hat, verwässert sind und bei allen Beteiligten unter der Schädeldecke nur noch die Leere haust. Wir werden berichten.
Die Identität der Kunst ist ein Thema, die Identität als Gegenstand der Kunst ein anderes. Der Sommer in Stuttgart und Umgebung steht im Zeichen von Veranstaltungen, die sich mit Heimat und Identität aus Sicht der Fotografie beschäftigen. Am 1. Juli starten sowohl der Stuttgarter Fotosommer, als auch die Fototriennale Esslingen. Einen Einblick in das umfangreiche Programm der Villa Merkel gibt dieses Heft.
Identische Grüße, die RED