Heimat ist einem türkischen Sprichwort zufolge, „dort wo man satt wird“. Laut dem Philosophen Ernst Bloch ist „Heimat etwas, wohin alle stets zurückwollen, wo aber keiner je war“. Heimat ist entweder ein Ort oder eine Sehnsucht. Zwischen diesen beiden Bedeutungspolen hat sich der Heimatbegriff der meisten Menschen eingependelt. Für viele von uns hat das örtliche als auch das sehnsüchtige seine Bedeutung verloren. Heimat wird dort angesiedelt wo es gut ist, wo Lebensumstände und Freunde, Kultur und Sprache, ein im weitesten Sinne glückliches Leben ermöglichen. Dagegen sind die Antworten einiger Promis, die von der WaS zu ihrem Heimatverständnis befragt wurden, überraschend vielfältig und oft lebensfern. Schriftsteller Walter Kempowski sieht eine zunehmende Heimatlosigkeit in der Welt, wenn er sagt: „Nach dem Jahrhundert der großen Vertreibungen, der Armenier, Kalmücken, Deutschen, Polen, Ruanda, Kosovo, Israel, mutet uns ein Begriff wie das so genannte Recht auf Heimat recht ominös an. Die Politik, scheint mir, hat keine Antworten parat. Heimat - ein schwieriger Begriff nach jenen dunklen Jahren. Vielleicht ist Heimat heute, in Zeiten grenzenloser Globalisierung, mehr denn je ein emotionaler Wert: Ort der frühen Schmerzen und der späten Sehnsucht, in der Sprache gelebt, und wahr nur in den Erinnerungen.“ Für den Tourismusmogul Vural Öger ist Heimat, „ein Gefühl und nicht etwas Greifbares. Ich habe zwar zwei Drittel meines Lebens in Deutschland verbracht und Deutschland ist das Land geworden, in dem ich lebe. Aber wenn ich an Heimat denke, dann kommen mir immer sofort Bilder aus meiner Kindheit in den Kopf. Meine Familie lebte in Ankara, und ich sehe unseren Garten vor mir. Der Geruch gebratener Auberginen liegt in der Luft, meine Mutter sitzt an der Nähmaschine, wir Kinder spielen im Haus und im Garten. Auch wenn ich Berlin, Hamburg oder Istanbul lieben gelernt habe, nie wieder habe ich ein solches Heimatgefühl gehabt wie in glücklichen Kindheitstagen." Die gebürtige Hamburgerin Iris Berben scheint da flexibler zu sein: „Ich wohne auch gerne in unserem Haus in München oder in unserer Wohnung in New York und fühle mich dort zu Hause. Fahre ich nach Israel, denke ich: Das ist meine Heimat. Auch Berlin ist spannend, denn Berlin ist Geschichte. Dort sind unsere Wurzeln, die Stadt ist ein Teil unserer Identität. So wechsle ich ständig meine Heimatgefühle – je nachdem, an welchem Ort ich gerade bin.“ Für den Philosophen Hans-Georg Gadamer erzeugt die Sprache Heimatgefühle. „Heimat ist etwas Heiliges und deshalb in einer mobilgemachten Welt sehr Bedrohtes. Heimat muss wachsen, reifen wie die Sprache, in der wir zu Hause sind. Sprache ist Heimat. Ich bedauere es deshalb sehr, dass an den Schulen die Dialekte nicht mehr gepflegt werden. In ihnen ist Heimat am ursprünglichsten bewahrt. Aber Heimat ist im Sinken. Die Welt ist zu beweglich geworden, um uns verwurzeln zu lassen.“ Die PDS-Abgeordnete im Europaparlament, Sahra Wagenknecht sieht die Heimat vom globalen Kapital bedroht. Soziale Entwurzelung, Bindungslosigkeit und bedingungslose Flexibilität würden den modernen Lohnsklaven abverlangt. Die Zerschlagung sozialer Netze, die provozierten Ängste vor Alter, Krankheit und schwindender Leistungsfähigkeit, brächten das moderne „Wanderproletariat“ in eine Situation der totalen Ausbeutbarkeit. Freilich hat auch Frau Wagenknecht ihre private Heimat: „Wer so lebt wie ich - 300 Tage im Jahr unterwegs und dazu noch ziemlich bekannt ist - der braucht einen privaten Rückzugsraum, wo er sich wirklich entspannen kann. Das ist Merdingen (im Schwarzwald) für mich, weil die Menschen mich kennen, respektieren und wissen, wann ich meine Ruhe brauche. Ich habe hier zusammen mit meiner Freundin ein Haus gebaut und mag die Landschaft und die Menschen. Auch Rostock, Hamburg und Berlin waren zu ihrer Zeit für mich Heimat. Aber das bindet mich nicht für immer. Heimat ist für mich da, wo man sich zu Hause fühlt und zufrieden ist.“ Dem schließen wir uns an und bitten unsere Leser nun, sich im Sonnendeck für ein paar Stunden beheimatet zu fühlen. |