Sonnendeck – Stuttgarter Kunstnotizen Ausgabe Mai 2007

STEUERBORD

Liebe Leserinnen, liebe Leser,
geneigte Kunstfreunde,


Natürlich wissen wir längst, dass es kein richtiges Leben im Falschen gibt, – und Grund genug, sich Sätze wie „Die Welt ist schlecht!“auf eine Fahne zu sticken und damit durch die Fußgängerzone zu spazieren. Wir wissen, dass es den Bach runtergeht, früher oder später. Grund genug, jetzt und hier ein bisschen auf Idylle zu machen. Idylle, das kann das Häuschen mit Garten sein, der Stammtisch voller Brüder – oder das Wochenende im lieblichen Taubertal. Womit wir schon den historischen Kern unseres Schwerpunktthemas touchiert hätten. „Idyllen“, weiß der Kunsthistoriker, sind Darstellungen eines ländlichen Lebens, Bilder von beschaulichen Orten, von Plätzen, die so schön sind, dass sie für eine Postkarte taugen.

Postkartenidyllen gibt es noch, Hirtengedichte nicht mehr, die solche zu besingen in der Lage wären. Römische Dichter wie Vergil und Catull waren solche Poeten der Idylle, die zwischen Traum und Trugschluss nicht unterscheiden konnten. Apropos: „Traum und Trugschluss“ ist auch der Untertitel eines Buches von Oliver Zybok. In diesem geht der Autor der Frage nach, ob Kunst heute idyllisch sein darf. Wer könnte es der Kunst verbieten? Schließlich ist sie frei.

Auch wir vom SONNENDECK haben Ahnung von der Katharsis, die ein Mensch in der Idylle erfahren kann. Die Idylle der nur von einer Glühbirne illuminierten nächtlichen Schreibstube, die Idylle der Balkonarbeit via WLAN mit einem zwitschernden Vögelchen auf der Schulter, die Idylle intimer Zweisamkeit zwischen Autor und Text. All das ist uns nicht fremd.

Idyllen, von denen wir in diesem Heft erzählen, sind etwa jene Berge und Wiesen, mit denen der 1963 geborene Schweizer Maler Peter Sutter aufgewachsen ist: „Idyllisch ist es in meinem Atelier zurzeit, weil die Frühlingssonne wieder den Weg herein findet“, verrät der Künstler im Interview.

Im Beitrag von Susanne Jakob fragt die Autorin gleich im ersten Satz: „Hat das Idyll ... für die zeitgenössische Kunst überhaupt noch Relevanz?“ Am Beispiel einiger Künstlerinnen wie Andrea Zittel, Eva Teppe und der Künstlergruppe „3 Hamburger Frauen“ führt Jakob aus, wie das Idyll zu einem Surrogat geworden ist – zu einer motivischen „Attrappe“.

„Wie ein Hirt im goldnen Weltalter“, ein weiterer Beitrag, untersucht „Idyllische Stationen zwischen Kunst und Literatur“. Natur, so ist hier zu lesen, existiert nur noch als touristisches „Phantasma“. Auch Jochen Schlöders Kolumne beschäftigt sich mit der Idylle. „Von der Sehnsucht und ihrer Verweigerung“ schreibt er, unter anderem auch von einem kleinen, nervtötenden Musikinstrument, das uns – womit wir wieder am Anfang wären – häufig in Fußgängerzonen entgegenschallt: über die Panflöte.

… wir sind ok, Sie sind ok.