Sonnendeck – Stuttgarter Kunstnotizen Ausgabe März 2007

STEUERBORD

Liebe Leserinnen, liebe Leser,
geneigte Kunstfreunde,

„Ich muss reisen, sonst habe ich keine Vorstellung von der Welt“, hat der jüngst verstorbene polnische Reporter, Essayist und Weltbürger Ryszard Kapuscinski gesagt. Das klingt gut. Das hat etwas. Der Mann hatte Zeit, sich solche schönen Sätze zu überlegen – denn er war von Natur aus ein langsamer Schreiber. „Reisen bildet“, das klingt dagegen nach einer Binsenweisheit. Das wollen uns alle erzählen. Studiosus oder Meiers Weltreisen genauso wie Penny, Lidl oder jetzt auch Aldi. Wahr ist: Wer reist, der nimmt sich mit, der spiegelt das Eigene. Das erfuhren Marco Polo, Alexander von Humboldt, Georg Forster, Theodor Fontane oder Lord Byron. Ach ja. Und Goethe natürlich. Der hatte bekanntermaßen zu jedem Thema eine Meinung. „Die beste Bildung“, so also Goethe, „findet ein gescheiter Mensch auf Reisen“. Es gibt allerdings noch andere Stimmen zum Thema. Etwa die der Metzgerin im Fleischerfachgeschäft um die Ecke. Die gute Frau vertrat neulich beim Einkaufsplausch allen Ernstes die steile These, dass die Reiserei eine nicht nur kostspielige, sondern ganz und gar unnötige Angelegenheit sei. Denn hernach, meinte sie, nach der Rückkehr, sei eh wieder alles beim Alten.

Reisen, ja. Das ist auch das Thema von Jörk Scheller, der eine kleine Philosophie des Reisens (von Johann Joachim Winckelmann bis zur britischen Band Pulp) für Sonnendeck verfasst hat. Gereist, nach Kambodscha sogar, ist auch unser Autor Hansjörg Fröhlich – der Frau Metzger (s.o.) womöglich nicht zustimmen würde. Auch in dem Interview mit dem Stuttgarter Künstler-Duo Stephan Köperl und Sylvia Winkler geht es um das Reisen. Die Angst vor globaler Uniformität sei unbegründet, beruhigen sie uns: „Jede Mall hat auch einen Hinterausgang“. „Vom Brot und seiner Verhasung“ berichtet Jochen Schlöder in seiner neuen Kolumne und erzählt davon, wie bereichernd das Reisen nicht nur für Menschen ist, sondern auch für belegte Brote. Erst die Reise, das Unterwegs-Sein, macht das sogenannte „Hasenbrot“, da ist sich Schlöder sicher, zu einem „reizvollen lukullischen Mitbringsel“. Reisen, das tun nicht nur Hasenbrote, sondern auch Backpacker. Ihre Bibel ist der Lonely Planet, ihr Ziel Selbsterfahrung, ihre Heimat das Internetcafé. Diese zumeist jungen Sinnsucher sind das Thema eines Dokumentarfilms von
Lukas Ullrich und Thilo Frank, den wir ebenfalls in diesem Heft vorstellen. Und die Bildende Kunst? Nun, wir berichten zum Beispiel über eine Karlsruher Ausstellung, die den Titel „Auf leisen Pfoten“ trägt – aber auch mit menschlichem Schuhwerk besichtigt werden darf.

Verlockende Reisegrüße, die Redaktion.