Sonnendeck – Stuttgarter Kunstnotizen Ausgabe Februar 2007

STEUERBORD

Liebe Leserinnen, liebe Leser,
geneigte Kunstfreunde,

Morgens schon fängt es an: Der Wecker klingelt munter, während wir uns am liebsten die Bettdecke über den Kopf ziehen und umdrehen wollen, um uns nochmals in die Arme von Morpheus zu begeben. Doch nein, wir schälen uns aus dem warmen Bett, klatschen dem Wecker aufs Haupt und quälen uns ins Badezimmer, um dem Tag gefasst und sauber in die Augen zu schauen. Wenig später, aber irgendwie eben doch zu spät, sitzen wir im Auto und der Vordermann hat alle Zeit der Welt – bremst – guckt rechts – fährt wieder an – schlingert nach links, drückt voll Stoff aufs Bremspetal, wenn die Ampel auf Gelb umschaltet undsoweiterundsofort … Und wir? Wir bewahren die Ruhe, sind ganz Selbstbeherrschung, lächeln, während uns ein verächtliches „Druide“ über die Lippen stolpert – oder wir machen das HB-Männchen hinterm Steuer, wovon der aber leidlich wenig mitkriegt. Aussteigen, die Fahrertür unseres Vordermanns aufreißen und Beschimpfungen hineinschreien wäre zwar kurzfristig erleichternd, könnte aber eine Anzeige oder ein blaues Auge nach sich ziehen. Also belassen wir es, nach kurzem Abwägen der Vor- und Nachteile, bei der friedlicheren Variante. Die Beherrschung unserer unmittelbaren Impulse, Triebe und unseres Instinkt ist ein notwendiger Teil unseres Lebens, der uns mehr oder weniger gesellschaftsfähig und erträglich – und mitunter das Leben interessanter macht. Ein Tor, wer sich grenzenlose Freiheit und ein ungezügelten Lebenswandel wünscht! Oder? Das Sonnendeck-Team hat sich für die Februarausgabe auf die Spuren der Selbstbeherrschung gemacht, Psychotherapeuten und Künstler befragt, sich mit Großgrundbesitzern, Minenarbeitern, Diamantenhändlern und Sadomasochisten oder mit John Maedas Gesetzen der Einfachheit beschäftigt. Grenzenlos enthemmt wird’s dann erst wieder mit der Programmreihe im Koki Stuttgart, welches filmische Porträts von Künstlern gezeigt, die sich mit ihrer Arbeit und ihrem Leben nicht ins gesellschaftliche Raster einfügen wollten. Außerdem empfehlen wir noch einen Blick in die Merz Akademie, in der Anfang Februar die Diplomanten ihre Arbeiten präsentieren und einen Ausflug nach Berlin, wo derzeit die grandiose Ausstellung „Jenseits des Kinos“ zu sehen ist.

Die Redaktion wünscht einen schönen Februar – mit Selbstbeherrschung und Zügellosigkeit in angenehmer Ausgewogenheit.