Sonnendeck – Stuttgarter Kunstnotizen Ausgabe Januar 2007

STEUERBORD

Liebe Leserinnen, liebe Leser,
geneigte Kunstfreunde,

liebe Chaoten und alle, die es werden wollen wir hoffen sehr, dass das neue Jahr rauschend, aber dennoch in geordneten Bahnen für Sie respektive Euch begonnen hat. Wir hingegen haben uns dazu entschlossen, gleich ins Chaos zu schlittern, damit wir dann die übrigen elf Monate unsere Ruhe haben, sich alles zum Guten sprich zum Überschaubaren wendet. Die Sonnendeck-Redaktion hat für den Januar die Chaos-Wochen ausgerufen und sich die Frage gestellt: „Was, bitte sehr, ist Chaos?“ Anarchie vielleicht (siehe Artikel zu den Chaos-Tagen)? Oder der Zustand mancher Kollegen auf ihrem Schreibtisch und dessen Umfeld (hierzu besser keinen Artikel)? Eine mathematische Theorie (leider ging die im Chaos unter) oder etwa nur eine Frage der Perspektive (siehe unser Erfahrungsbericht über Brainlight-Brillen)? Antworten, liebe Leser und Leserinnen, haben wir natürlich keine gefunden. Die Welt ist komplex, das Chaos ist es auch. Aber das hielt uns freilich nicht von Annäherungen oder Beschreibungen dieses Zustands ab: Wir fanden künstlerische Ausdrucksformen und Umsetzungen von Chaos (siehe der Künstler Eberhard Eckerle), Kunst, die etwas entgegen setzen will (im Kunstmuseum die Schau „Piktogramme“) und Menschen, die sich dazu bekennen (ein Redaktionsmitglied outet sich). Das Chaos auf dem Sonnendeck ist perfekt mit einem ausführlichen Einführungsartikel über BaMbuti-Pygmäen, Magie und das Grundrauschen des Lebens. Selbstverständlich haben wir noch andere Dinge jenseits des Chaos entdeckt, eine spannende Ausstellung der Künstlerin Ulrike Flaig in der Villa Merkel, die Künstlermesse Baden-Württemberg und im Karlsruher ZKM eine Schau über die Megacity Beijing. Und zum Chaos noch eins drauf: Es ist keine faule Ausrede, kein müder Spruch – tatsächlich gibt es Menschen, die das Chaos beherrschen. Ein Kollege beispielsweise … Den muss man nur nach einem bestimmten Presseheft fragen oder auch nur nach einem Waschzettel, der etwa mit einem Film vor ein paar Wochen von der Verleihfirma gekommen ist. Er verschwindet daraufhin kurz in seinem Zimmer, in dem sich Zettel, Hefte, Bücher und alles andere, was man sich so vorstellen kann, tonnenweise auf Tisch, Stühle und Parkettboden türmen, das nicht etwa in geordneten Stapeln, sondern in einer pittoresk angelegten Landschaft mit Hügeln, Tälern und schmalen Trampelpfaden. Hier hinein also verschwindet der Kollege, greift zielsicher in einen Haufen zwischen zerknitterter Steuererklärung und achtlos hingeworfenen Presseerklärungen, um das Gewünschte daraus hervorzuziehen. Zugegeben, bislang ist uns lediglich dieser eine Beherrscher des Chaos bekannt. Aber er macht uns Mut.In diesem Sinne: Es lebe das Chaos, solange es nicht uns beherrscht!

Ein wunderschönes und kunst-volles Jahr 2007 wünscht die Redaktion!