Sonnendeck - Stuttgarter Kunstnotizen Ausgabe Dezember 2006

STEUERBORD

Liebe Leserinnen, liebe Leser,
geneigte Kunstfreunde,

Affen dienen der Forschung in mannigfaltiger Weise. Immer wenn wir ein Medikament schlucken, hat es garantiert zuvor schon ein Affe zu Testzwecken eingenommen. Wollen wir verstehen wie das Denken, Rechnen oder die Sprache funktioniert, werden Wissenschaftler in die Käfige unserer fellreichen Verwandtschaft geschickt. Was immer wir von uns wissen, wir wissen es dank der geduldigen Affen. Die Primatenforscher vom US-amerikanischen Yerkes National Primate Research Center haben sich neulich folgende Frage gestellt: Wie funktioniert eigentlich Tradition? Wie wird sie innerhalb einer Gruppe weitergegeben und unter welchen Umständen? Um es gleich rauszulassen: das Ergebnis ist niederschmetternd. Wie sinnvoll ein Verhalten, wie nützlich Brauchtum ist, das die jüngere Generation von einem älteren Tier übernimmt, spielt scheinbar keine Rolle. Wichtig ist die Stellung des vorlebenden Tiers innerhalb der Rangordnung. Das heißt, auch sinnloses Verhalten wird zur Tradition. Die Primatenforscherin Kristin Bonnie entwarf ein Szenario, mit dem sie die Bildung einer Tradition direkt beobachten konnte. Dazu brachte sie jeweils einem Weibchen zweier Schimpansen-Gruppen bei, eine Kunststoffmarke vom Boden ihres Geheges aufzuheben, damit zu einem von zwei Containern zu gehen und die Marke in eine kleine Öffnung zu werfen. Eines der Testweibchen wurde dabei darauf trainiert, die Marken ausschließlich in einen Eimer zu werfen, während das andere nur einen röhrenförmigen Behälter benutzen durfte. Beide Aufgaben sind also gleichermaßen sinnlos. Anschließend brachten die Forscher die trainierten Tiere wieder mit ihrer Gruppe zusammen und beobachteten, wie sich die anderen Schimpansen verhielten. Alle Gruppenmitglieder entschieden sich für den Container, den das zweite, ranghöhere Weibchen benutzte. Das Weibchen, das die Marken konsequent in den Eimer steckte, hatte in seiner Gruppe einen niedrigen Rang – und fand keine Nachahmer.
Das Sonnendeckteam hat sich die Tradition der nackten Affen angeschaut: Petra Mostbacher-Dix stellt zwei traditionsreiche Galeristen vor, berichtet über Künstlerfamilien und den geschichtsreichen Künstlerbund Stuttgart. Hansjörg Fröhlich macht sich Gedanken über den Umgang mit Tradition und deren Simulation. Eva Schlosser hat sich eine Ausstellung zum Stand der chinesischen Fotografie angeschaut. Marko Schacher und Helene Schwab suchten und fanden Kunst jenseits der Stadtgrenze. Ein Gastbeitrag zu Kunst und Kirche kommt von Hospitalhof-Pfarrer Müller.

Traditionelle Grüße, die Redaktion.